Ich möchte mit Dir über Maria sprechen.

Ich möchte mit Dir über Maria sprechen.

Maria heißt eigentlich nicht Maria, aber das ist nicht wichtig, weder für mich, Dich – noch für Maria.

Maria ist 84 Jahre alt, strickte immer gern und hat leider immer kalt.

Im ganzen Raum, da hat sie Zettel, in den allerschönsten Farben. Auf diesen Zetteln stehen Nummern mit den jeweiligen Namen.

Das sind furchtbar liebe Leute, hoffe ich, wenn ich die Zettel seh‘. Manchmal, da frage ich Maria, was dort auf den Zetteln steht, doch wer das ist, weiß sie nicht immer, doch die meisten Leute klingen nett.

Manchmal hat sie keinen Schimmer und legt sich dann vor lauter Trauer einfach glatt zurück ins Bett.

Die ersten Zettel, tief unten in den Haufen, zeigen deutlich; das ist wichtig, erinnern will sie, diese Leute, wer sie sind, woher sie kommen statt sich gedanklich zu verlaufen.

Immer und immer und immer und immer und immer wieder -

Schreibt sie es auf; den Sohn mit Namen Klaus findet man in ihrer Stube hunderttausend mal geschrieben – wenn auch nur mit scharfem Blick.

Der Blick muss wissen: diese gute, liebe Frau, Sie schreibt des Sohnes Namen Klaus nicht immer so wie Jedermann, lässt Manches weg, hängt manches dran, doch kennst du sie, wirst du erkennen; gemeint ist Klaus, der Sohn.

Das steht so auch in der Akte. Die solltest Du lesen, wenn Du Maria kennen willst, denn vieles kann sie Dir nicht sagen, Du könntest leider nur versuchen, ahnen, raten, um letztendlich zu verstehen.

Doch das mit Klaus, dem Mutter-sein und Mutter-bleiben, das weißt Du, weil sie von ihm erzählt. Immer.

Doch nicht immer nennt sie ihn beim Namen und oft kann sie Dir nicht mal sagen, worum es ihr denn grade geht.

Du merkst nur deutlich; das ist wichtig, siehst ihre Augen leuchten voll von dieser elterlichen Sorge, und in ihnen hütet eine Wärme, die Klaus so nur von Maria kennt.

Ich möchte mit Dir über Klaus sprechen. Klaus ist 61 Jahre jung, pokert viel und tanzt zu oft und voller Schwung.

Seine Mutter kann nun leider kaum mehr essen, erzählen sie ihm, vor lauter Schmerzen.

Seine Mutter schaut mich, eine Weile schon, nicht mehr so richtig an, schaut durch mich durch, die Haut ist klamm.

Seine Mutter hat ihn nicht vergessen, das weiß Klaus, tief in seinem Herzen.

Seine Mutter wird bald gehen, das ist klar, das Ende holt doch jeden ein. Doch so wichtig, wie er ist, ist er sicher nie allein.